Freitag, 11. März 2016

Out of Nowhere von Roan Parrish


Gelesen: Out of Nowhere von Roan Parrish (Buch 2 von Middle of Somewhere)
Sprache/Übersetzung: Englisch/nein
Schwierigkeitsgrad: Das Buch bietet einen recht umfangreichen Wortschatz, die Sätze sind aber nicht allzu verschnörkelt, eher der Stil.
Erotische Taktrate: Es ist kein erotisches Buch, aber ja, die Figuren sind sehr an Sex miteinander interessiert.
Schmelzfaktor: Das Buch kann einen auf vielen Ebenen packen
Eindruck in einem Satz: Verlorene Eltern, verlorene Kindheit
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Als die Frau des Automechanikers Saul (oder Sal - im Buch wird er fast immer nur Pop genannt, wer seinen Namen weiß, sage ihn mir bitte) stirbt, bricht für ihn eine Welt zusammen, er hat sie sehr geliebt. Er fällt in eine tiefe Depression und erholt sich nie wieder davon. Das ist für seine vier Söhne Sam, Colin, Brian und Daniel eine Katastrophe. Daniel, der Jüngste, ist gerade acht Jahre alt.

Erstarrt in seiner Trauer schafft Saul es gerade so, seine Söhne zu ernähren, indem er jeden Tag einen großen Topf auf den Herd stellt. Irgendwie bekommt er es mit der Zeit wohl auch mit ihrer Wäsche hin. Jeder Sohn geht auf seine eigene Art mit der Situation um. Colin, der Zweitälteste, versucht, den Vater zu beschützen. In der Weihnachtszeit fragt Daniel seinen Vater, ob sie zusammen Kekse backen können, worauf Colin fies und höhnisch antwortet, dass sei nur etwas für Mädchen, weil sein Vater bei der Frage fast zusammenbricht. In Buch 1 erfahren wir, was das mit Daniel macht.

Buch 2 widmet sich Colin. Colin möchte Pop auf keinen Fall enttäuschen und beschützt ihn, wo er nur kann. Deshalb schwingt er sich auch zu schwulenfeindlichen Tiraden gegenüber Daniel auf, als der sich als Teenager outet, obwohl er selbst schwul ist. Dass dies auf Kosten seines kleinen Bruders geht, sieht er nicht. Colins aggressive Art wirkt sich auf Brian aus, der Daniel dann auch terrorisiert.

Pop ist in seinem Denken ein eher einfach strukturierter Mann mit einer Menge Vorurteilen. Colin hinterfragt das nicht, auch wenn er sie nicht annimmt, so hat er beispielsweise einen schwarzen besten Freund, den sein Vater gar nicht leiden kann.

Als Colin Sechsunddreißig ist, säuft er zu viel und macht eine Menge Sport, um Nachts schlafen zu können. Gelegentlich geht er in eine Schwulenbar, um jemanden zu finden, der ihm einen bläst. Bei einem dieser Ausflüge wird er von zwei Männern brutal zusammengeschlagen. Ein Mann namens Rafe rettet ihn. Rafe möchte ihn nach Hause bringen, weil Colin besoffen ist, das lehnt jener aber ab. Heimlich folgt Rafe ihm.

Am nächsten Tag bringt Rafe sein Auto in die Familien-Autorwerkstatt und Colin ist erst einmal erschreckt, dann aber fasziniert von Rafe. Rafe arbeitet als Betreuer von Jugendlichen, die nach der Schule in eine Art Gemeindezentrum kommen, und bittet Colin, denen etwas über das Reparieren von Autos zu erzählen. Colin stimmt zu. Nach und nach entwickelt sich eine Beziehung zwischen den beiden Männern und Colin öffnet sich Rafe, allerdings nur im Geheimen.

Als Pop stirbt, eskaliert die Sitation zwischen Colin und Daniel, und Colin muss sich mit seiner Kindheit und Jugend auseinandersetzen.

Out of Nowhere ist ein Buch, in dem die Deformierung von kindlichen Seelen angesprochen wird, wenn die Eltern versagen und selbst schutzbedürftig sind. Dabei geht es nicht um Effekthascherei, jedes Ereignis wirkt auf mich nachvollziehbar.

Manchmal kommen in Filmen oder Büchern Szenen vor, in denen der Vater wo auch immer hinmuss, meistens in den Krieg, und der Vater sagt dann zum kleinen Sohn: "Pass auf deine Mutter/Schwester auf, jetzt bist du der Mann im Haus."
Ich hasse das! Mir wird davon ganz übel. So eine Verantwortung auf dem Rücken eines kleinen Kindes abzuladen. Eltern sind dafür da, um ihre Kinder zu beschützen, nicht umgekehrt! Natürlich meint der Vater das nicht ernst, sondern als Trost, aber es ist trotzdem falsch.

In Rezensionen zu diesem Buch las ich, dass einige Leserinnen Colin wegen seiner fiesen Art Daniel gegenüber hassen. Mir ging das nicht so. Mir blutete das Herz über seinen eigenen Kummer.

Buch 1 gefiel mir nicht so gut. Ich denke, es liegt daran, dass die Autorin einen sehr ausufernden Erzählstil hat und ständig kleine Nebengeschichten in der Hauptgeschichte erzählt. Es sind Rückblenden, die verschiedene Verhaltensweisen erklären sollen. In Colins Buch war ich darauf vorbereitet. Colin hat mich sehr interessiert, weil er in Daniels Buch so einen verzweifelten Auftritt hatte, dass ich in seinem eigenen Buch lesen wollte, warum er so verzweifelt ist. Ich habe es nicht bereut.

Die Liebesgeschichte von Colin und Rafe ist übrigens wunderbar und wird nicht durch überflüssige Missverständnisse künstlich dramatisiert, auch, wenn nicht alles glatt geht. Nichts lenkt von dem zentralen Thema ab, wie ein in seiner Kindheit durch Vernachlässigung deformierter Mann endlich zu sich selbst findet. Es ist ein schmerzhafter Prozess. Komischerweise verlor ich beim Lesen praktisch nie die Geduld mit Colin, obwohl es wirklich sehr lange dauert, bis er aus seinem Gefängnis tritt. Das mag daran liegen, dass die Probleme, die in dem Buch beschrieben werden, nicht auf dem Reißbrett entwickelt wurden, sondern wie aus dem wahren Leben entnommen wirken. Es gibt keine übertriebenen Knalleffekte, keine künstlich verwuselten Spannungselemente, die Leserin kann sich ganz auf den Grundkonflikt konzentrieren und der bietet eine Menge Taschentuchalarm. Deshalb finde ich das Buch sehr packend.
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